Was ist gemeinschaftliches Wohnen?

Eine Minimaldefinition könnte lauten:

„Gleichgesinnte Menschen in unterschiedlichen Lebensformen bilden eine verbindliche Gruppe und planen bzw. bewohnen gemeinsam eine Liegenschaft, deren Grundriss sowohl individuelle Wohnflächen als auch Gemeinschaftsflächen aufweist. Aus der Planungsgruppe heraus wächst in der Wohnphase eine Gemeinschaft heran, die eine verlässliche Nachbarschaft bildet, ohne Abhängigkeit und Hierarchie. Sie WOLLEN das so!“

Was aber vor allen Äußerlichkeiten zählt, ist der unbedingte Wille, gemeinschaftlich leben zu wollen und sich aktiv in diese Gemeinschaft einzubringen. Das Leben gemeinsam gestalten, ein passendes Verhältnis von Nähe und Distanz ausloten, ein „WIR“ erarbeiten, Gemeinschaftsflächen nutzen können, die zu beiläufigen Kontakten mit allen Hausbewohner*innen führen – um nur wenige Punkte zu nennen, die zum gemeinschaftlichen Wohnen gehören. Das muss ich WOLLEN, das passt nicht für jeden Menschen!

Gründe für dieses WOLLEN gibt es genug: Ich will selbstbestimmt leben und ich will auch im Alter nicht einsam und isoliert wohnen. Ich möchte dabei mitwirken, ein stabiles nachbarschaftliches Umfeld aufzubauen und ich möchte nicht, dass meine Miete in ein paar Jahren unbezahlbar für mich ist. Vielleicht interessiere ich mich darüber hinaus aber auch für ein spezielles Projekt, das einen besonderen Fokus setzt. Ein ökologisches Projekt, ein kulturelles Projekt, ein spirituelles Projekt oder das Projekt direkt vor der Haustür oder, oder, oder, …..

Die neuen gemeinschaftlichen Wohnformen werden besonders häufig im rasant wachsenden urbanen Milieu nachgefragt, dementsprechend wachsen sie dort auch zahlreich. Der Mensch ist ein soziales Wesen, er braucht und mag die Interaktion mit anderen. Mit Beginn der Industrialisierung startete jedoch ebenfalls die Individualisierung oder Vereinzelung der Menschen. Dies findet bis heute seinen wohnpolitischen Ausdruck in der klassischen „X-Zimmer-Küche-Bad“- Wohnung für die Kleinfamilie: Der Mensch in Abhängigkeit von Vermietern und ohne Einfluss auf die Wohnqualität. Erst die Hausbesetzer-Szene ab den 1970er Jahren reaktivierte und demokratisierte das gemeinsame Wohnen jenseits der Kleinfamilie. Bis heute ist die Gemeinschaftsbildung eine besondere Herausforderung für Wohnprojekte, wichtig ist bspw. das Aushandeln von Nähe und Distanz oder der Umgang mit Konflikten. GEMEINSCHAFT müssen wir erst wieder erlernen, auch das muss ich WOLLEN.

 

Was unterscheidet gemeinschaftliches Wohnen vom „normalen“ Wohnen?

Das demokratische Prinzip ist bspw. allgegenwärtig in einer Wohngruppe. Es existieren weder Privilegien noch Hierarchien, alle gelten als Gleiche, alle dürfen mitbestimmen, jede/ hat nur eine Stimme. Grundsätzlich gilt in gemeinschaftlichen Wohnprojekten das Prinzip der Selbstorganisation, alle bringen sich ein, soweit es ihnen möglich ist. Von der Planung bis zur Pflege des Gartens oder der Überweisung der Mieten wird alles in der Gemeinschaft besprochen und umgesetzt. Mit schwindenden Kräften können diese Dienste auch extern vergeben werden. Die Nachbarschaft wird selbst gewählt. Von Anfang an bestimmt die Gruppe, wer einziehen wird, dies gilt selbstverständlich auch für spätere Nachmieter*innen. Nicht jede/r passt in jede Wohngruppe. Das Prinzip der Gegenseitigkeit, des Gebens und Nehmens, ist nicht nur ein großer Unterschied zu „normalem“ Wohnen, sondern ebenfalls ein hohes Gut in einem Wohnprojekt. Dessen Mitglieder WOLLEN sich gegenseitig unterstützen, sie WOLLEN sich gerne lange vor einem Einzug kennenlernen, sie WOLLEN Nähe zulassen und dadurch zur Unterstützung des Prinzips beitragen. Der fünfte und letzte sichtbare Unterschied zum „normalen“ Wohnen ist die Nachhaltigkeit der Wohnform auf Basis einer langfristig angelegten Verfassung und Organisation, abzulesen an der Rechtsform. Ob Verein oder Genossenschaft (etwa die Aja-Textor-WohnGenossenschaft e.G. (i.G.), wichtig ist an diesem Punkt die Bildung von Gemeinschaftseigentum. Wohnprojekte in Privateigentum sind nicht nachhaltig, denn sie zerfallen ab der zweiten Generation langsam wieder.

 

Wird gemeinschaftliches Wohnen von politischer Seite unterstützt?

Viele große Städte im deutschsprachigen Raum haben erkannt, wie bereichernd das Potenzial dieser Wohnprojekte für die Quartiersentwicklung ist. Sie bereichern durch ihre Interaktionen und ihr soziales Engagement, durch die Bereitstellung von Wohnraum und Infrastrukturfläche, durch ihr Wirken im Quartier, ihre Netzwerke und schlichtweg durch ihre Existenz als partizipative Wohnform der Zukunft. Besondere Unterstützung erfahren in diesen Städten auch die jungen Wohngenossenschaften, die sich mehrheitlich auf das gemeinschaftliche Wohnen spezialisiert haben. Etwa in Berlin, Hamburg und München oder in Zürich und Wien. In Frankfurt am Main ist das noch anders. Hier gibt es noch viel zu wenige realisierte Wohnprojekte, denn hier herrschen immer noch Bedingungen, die für kapitalstarke Immobiliengesellschaften gelten, für die Renditegesichtspunkte im Vordergrund stehen. Die Wohnpolitik der Stadt Frankfurt richtet sich nach wie vor sehr stark an diesen Unternehmen aus und ist somit noch nicht ausreichend auf die Besonderheiten zugeschnitten, die junge Wohnungsgenossenschaften benötigen. Zwar wurden Strukturen geschaffen wie etwa das Konzeptverfahren zur Bewerbung um eine Liegenschaft, doch die ebenso renditegetriebene wie städtische Wohnungsbaugesellschaft ABG Holding durfte bspw. im diesjährigen Verfahren um das „Hilgenfeld“ die Bedingungen formulieren. Im Ergebnis konnten somit fünf gemeinwohlorientierte Genossenschaftsprojekte durch existenzvernichtende finanzielle Forderungen erfolgreich an diesem Ort verhindert werden. Bravo, ABG! Wohnungspolitische Realität ist also weiterhin das marktradikale Dogma: Einige wenige kapitalstarke Spieler teilen sich geschickt den Grundstücks- und Wohnungsmarkt untereinander auf! Die Aja-Textor-WohnGenossenschaft e.G. (i.G.) hat dies zur Kenntnis genommen und kümmert sich nun selbst um adäquate Grundstücke zur Verwirklichung ihrer Projekte.

 

Jetzt bin ich neugierig geworden, wer hilft mir weiter?

Für weiterführende Informationen rund um das Thema gemeinschaftliches Wohnen wenden Sie sich bitte an das Netzwerk Frankfurt für gemeinschaftliches Wohnen e.V. (www.gemeinschaftliches-wohnen.de) – besuchen Sie die Website und nutzen Sie die kostenlosen Veranstaltungen dieses gemeinnützigen Vereins.